Urbaner Dschungel: Zurück zu den Wurzeln!

Ob im Terrarium gezüchtet, in einer Makramee-Blumenampel aufgehängt oder einen Vintage-Blumentopf gestellt. Zimmerpflanzen liegen voll im Trend. Sie verbessern das Raumklima, fördern den Ausgleich im „Home-Office“ und schaffen querbeet neue Inspirationsquellen, auch für die Industrie. Einblicke einer globalen, grünen Bewegung, wo die Natur das Wohnzimmer (zurück) erobert. In Amsterdam und anderswo …  

In der Bilderdijkstraat, zwischen zwei Grachten gelegen, im Westen Amsterdams, hängen Pflanzen von der Decke. Überall in dieser grünen Oase stehen kleine Kakteen herum in Terracotta-Töpfchen, Terrarien und Vasen, dazu ein paar Blumen und hübsche Gießkannen. Es ist kurz vor elf, der Türknopf dreht sich und Mila van de Wall kommt zur Tür rein. Dunkelblondes Haar, ein grün-weiß kariertes Hemd an, blauer Rock, vierzig Jahre alt. Mila stellt die Tasche ab, mit neuer Ware von der FloraHolland, immerhin der weltgrößten Vermarktungsorganisation für Blumen – und andere Pflanzen.  

Die Holländerin bezieht ihre Waren direkt von hier, eine Stunde entfernt – mit ihrem Lastenfahrrad. Aber jetzt ist sie erstmal hier, in ihrem grünen Reich. »Sobald du reinkommst, lässt du das urbane Chaos hinter dir und du entdeckst diese Neugier in dir, mitten in all dem Grün « So beschreibt Mila hier ihr ganz persönliches Wildnis-Erlebnis. Und fügt gleich hinzu: »Wenn du dann gehst, trittst du voller Inspiration aus der Tür heraus, um deinen Platz in der Stadt ebenfalls grüner zu machen«.  

»Kein klassischer Blumenladen« 

Vor drei Jahren hat Mila zusammen mit Emma Hagedoorn, ihrer Partnerin, diesen kleinen, grünen Laden in der Innenstadt gegründet. »Wir haben uns den Zimmerpflanzen verschrieben, diesem Indoor-Garten – und es gibt guten Kaffee«. »Wilderness« hat die Größe eines Zwei-Zimmer-Appartements, im Westen der niederländischen Metropole, im Stadtteil Oud-West. Die Mieten sind teuer, die Quadratmeter in der Stadt begrenzt – gleichzeitig verbringt Mila viel Zeit zu Hause. »Ich möchte es schön haben, nicht nur im Winter«. 

Amsterdam ist grau und grün zugleich. Das kommt nicht nur vom in rauen Mengen konsumierten Marihuana in den »Coffeeshops« oder dem »Hype« um grüne, Gesundheit versprechende »Smoothies« in den zahlreichen Bars der Innenstadt, einige davon mit veganer Küche . Amsterdam hat auch Läden in denen sich Menschen mit (oder ohne) »Groene Vingers« treffen, um bei einer Tasse Kaffee über Inspirationen für Haus und Garten im urbanen Stil zu sinnieren. Ein »klassischer Blumenladen«, wie Mila es nennt, kam für sie nicht in Frage. Denn anders als im Baumarkt oder »klassischen« Blumenladen gibt’s bei Mila und Emma auch Bio-Kaffee – und zwar besonders guten. 

»Lifestyle« einer globalen Bewegung 

Zimmerpflanzen. In den Achtzigern noch als »Oma-Pflanze« geläufig, gelten sie mittlerweile als besonders stylische Note im eigenen Appartement. Insbesondere unter »Hippstern« beliebt: prächtige Monsterra – Milas Lieblingspflanze, auch wenn ihr das Festlegen schwerfällt. Oder Alokasien ebenso wie kleine Kakteen, ganz einfach: »die Mischung macht’s«. Mila und Emma verstehen das Konzept ihrer Pflanzen-Boutique als »frische Brise in der Welt des Gartenbaus«. Das Klischee von Frauen eines bestimmten Alters bedienen wollen sie hingegen nicht: »Indoor-Gartenarbeit ist cool, kreativ und einfach«. 

Auf die Frage, was sie vom Grün im Baumarkt über den Kaffee hinaus unterscheide antworten die beiden Gründerinnen unisono: »Wenn du in einem Gartencenter bist, willst du einfach so schnell wie möglich rauskommen«. Sie hingegen würden »einzigartige Produkte« anbieten, welche ihre Kunden anderswo so nicht bekommen würden, »nicht in dieser Form«. So bieten sie in ihrem Laden auch Workshops an und Events rundum die kleinen, grünen Wunder. Ein Thema war bereits: »Wie man einen Makramee-Pflanzenaufhänger herstellt«. Es geht also weniger um die Pflanzenkunde an sich – Botaniker sind weder Mila noch Emma. »Es geht um das ganze Drumherum«, das »Lebensgefühl«, den »Lifestyle«. Vieles davon teilen sie und ihre Fans im Netz, machen Fotos von diesem schönen, »dritten Ort« neben Zuhause und Büro.  

Mila und Emma verstehen sich viel mehr als Kuratorinnen, weniger als Verkäuferinnen, vor allem auf Instagram. Hier bekommen Sie nicht nur Inspiration für neue Kreationen sondern haben auch eine große Fan-Gemeinde mit mehr als 60.000 Followern im Netz. Instagram ist für den grünen Start-Up »ein Tool, eine Art virtuelles  Schaufenster«, erklärt Mila. Zuvor hat sie 15 Jahre als freie Journalistin gearbeitet, Emma als Innenarchitektin. Dann kam den beiden die Idee, einen eigenen Laden aufzumachen. Mila dazu: »Wir haben das nie wirklich zu Ende gedacht, das war einfach unser Bauchgefühl und wir hätten niemals gedacht, dass das Ganze so erfolgreich wird, wie es aktuell läuft« 

Kuratorin statt Verkäuferin: »Lieben was wir tun« 

Mit »Social Media« allein verdienen Emma und Mila noch kein Geld. Der Umsatz werde nach wie vor im Laden gemacht. Sie »fahren gerade ihren Web-Shop hoch«, arbeiten mit Hochdruck an der »eigenen Produktlinie«. Alle ihre Lieblingsdinge haben sie bereits ins Regal gepackt, alles ist käuflich – fürs Home-Office, den Balkon oder, natürlich, das Wohnzimmer als »Herzstück des urbanen Dschungels«.  

Nicht nur Mila und Emma sind hin und weg vom Grün, dem »Urban Jungle«. Sie bekommen in ihrem Amsterdamer Laden auch viel Besuch, von Pflanzenliebhabern aus aller Welt, die ebenfalls einen »grünen Daumen oder Finger« haben. Igor Josifovic, ein Star der jungen Szene, war kürzlich zu Besuch bei Mila und Emma. Sein erster Eindruck von dem »Wilderness«-Laden: »Oh mein Gott, das ist wirklich ein Dschungel-Blogger-Paradies«. Es sei ein Ort, um »einzutauchen in einen grünen Lebensstil«, so Igor, »ein echtes Shopping-Erlebnis«. Seine Lieblingspflanze ist die » Philodendron«, eine wilde, besonders robuste Tropenfplanze mit ledrigen, glänzenden Laubblättern.  

Seine Liebe zum »Wohnen mit Pflanzen« teilt Igor mit seinen aktuell 561.000 Followern auf Instagram, bei Pinterest sind es immerhin 70.000, bei Facebook rund 25.000 Abonnenten und bei Twitter noch um die 5.000. Dabei twittert er unter dem Hashtag #urbanjunglebloggers, aber auch #MonsteraMonday und natürlich #ValentinesDay.  

»mehr als ein dekorativer Tick« 

Igor betreibt die »Urban Jungle«-Community seit ein paar Jahren zusammen mit Judith de Graaff. Mit ihr zusammen hat er kürzlich das Buch »Wohnen in Grün – Leben und Wohnen mit Pflanzen« herausgegeben, auf Deutsch ebenso verfügbar wie auf Englisch, andere Übersetzungen sind geplant – siehe Infokasten. »Das Buch ist da, um zu bleiben«. Damit wollen sie mehr schaffen als »nur ein schönes Couchtischbuch, durch das man blättert und schöne Bilder genießt«. Igor und Judith sind Teil einer weltweiten Gemeinschaft mit Hunderttausenden von Pflanzenliebhabern. »Es macht uns glücklich zu sehen, dass Pflanzen heute wirklich ein Teil des Lebens der Menschen sind. Es ist Teil ihres Lebensstils, nicht mehr nur ein dekorativer Trick«.  

Handbuch für alle, die Indoor-Pflanzen mögen. Im Buch stellt das Autoren-Duo „grüne“ Wohnungen in fünf europäischen Ländern vor und liefert jede Menge Ideen und Inspiration, wie schön es sich mit Pflanzen leben lässt. Mit dabei: Do It Yourself-Anleitungen und Pflegetipps, Schritt für Schritt erklärt. 176 Seiten  »geballte grüne Kreativität« für Pflanzenliebhaber und solche, die es noch werden wollen. 29,95€ (Callwey-Verlag) 

Wie Emma und Mila in Amsterdam, sind auch Igor und Judith ein eingeschworenes Team, bilden einen Start-Up. »Es wäre unmöglich gewesen, das alleine zu tun, auf die vielen Nachrichten zu antworten – und Spaß zu haben«. Beide haben einen Vollzeitjob und pflegen ebenfalls ihre eigenen, persönlichen Blogs. Und sie haben die Ambition, »Urban Jungle Blogger« noch größer zu machen. Dazu arbeiten die beiden dezentral zusammen, nutzen mobile Messenger-Dienste. 

Ihr Hashtag #urbanjungbloggers gehört mittlerweile zu den beliebtesten »Houseplant-Hashtags« in den sozialen Netzwerken. Ob in Neuseeland, auf den Lofoten, in Korea, Argentinien, Kanada oder Japan. Überall in Europa, den USA und anderswo melden sich Fans mit neuen Beiträgen und haben große Lust daran, ihr persönliches »Interior Design« mit anderen Menschen zu teilen um daraufhin möglichst viele »Likes« zu bekommen, Resonanz und »Feedback«, jede Menge Tipps für den eigenen Stadtdschungel. Einer davon, ganz ähnlich wie der Rat von Mila und Emma: »Fange klein an und lass‘ den Dschungel mit dir wachsen«.  

Überhaupt geht es den Fans des »Urban Jungle« darum, zu entschleunigen, sich auch an den kleineren, einfachen Dingen zu freuen. Igor dazu: »Wir lernen, wieder geduldig zu sein. Pflanzen wachsen nicht in Sekunden, es braucht Wochen oder Monate, um zu blühen oder ein neues Blatt zu ziehen«. Der Stadtdschungel, für Menschen wie Igor ist das »eine Art grüne Zuflucht vor dem Beton der Stadt und unseren summenden Smartphones«. Pflanzen würden helfen, einen gesünderen Lebensstil zu verfolgen. 

Grüne Geschäfte, in unterschiedlichen Branchen 

»Urban Jungle« hat also mehr zu tun als mit schicken Zimmerpflanzen allein, wie Kooperationen der Blogbewegung etwa mit einem schwedischen Möbelriesen zeigen. Pflanzen alleine sind nicht neu, das sieht auch Judith Baehner vom »Het Groenlab« so, einem Labor das sich der Zucht von Zimmerpflanzen in Flaschenformen verschrieben hat. »Neu ist schlicht und ergreifend die Kombination«. Judith berät als Style-Biologin unter anderem Konzerne wie Sony und große Baugesellschaften, die sich neben dem Klima und »Hippster«-Faktor von Pflanzen auch eine bessere Raumakustik erhoffen.  

Beratend begleitet hat sie auch die Konzipierung eines Wohnprojekts am Rande von Amsterdam, in Sloterdjik. Von außen sieht der Wohnpark aus wie ein riesiger Baum. Da gibt es ein Hochhaus mit hundert Eigentumswohnungen in den Größen S bis XXL und vierzig Garten-Lofts auf bis zu 200 Quadratmetern, in denen drei Dinge gelingen sollen: Wohnen, Arbeiten und Entspannen. Und all das nah am Bahnhof, in fußläufiger Distanz, mitten in einem Landschaftspark von dem es bloß eine Viertelstunde mit dem Rad ins Amsterdamer Stadtzentrum dauert, das »fietsen«, wie es hier heißt.   

Das integrierte, grüne Design gibt dem Gebäude »eine menschliche Dimension«, so die Macher vom Architektenbüro. Großzügige Fassadenöffnungen bieten viel Licht für  Gartendachwohnungen, gebaut aus Beton und Stahl, Glas und Holz – und Lehm! Judith findet, dass die Natur uns wieder zurückholt, zurück zu den Wurzeln, so wie es früher einmal war, ohne den technologischen Fortschritt zu scheuen. »Die Pflanzen machen viel für uns, sie produzieren CO2, verbessern die Luft unserer Räume, das Klima«. Aber wir müssten, so die Trendforscherin, auch noch was für die Pflanzen machen: »Wir müssen zusammenarbeiten, wir sind in einer Symbiose mit der Natur – ohne sie können wir nicht leben«.  

Judith hat sich dem »Bottle Gardening« verschrieben, einer Flaschengärtnerei die in jedes noch so kleine Appartement passt. Alle Zutaten für die eigene Flaschengärtnerei sind in Judiths Online-Shop zu bestellen, bei Bedarf auch aus dem Ausland. Ein Paket für etwa vierzig Euro enthält eine 5l-Flasche, einen Korken, Steine, Kohlenstoff, Blumenerde, zwei Pflanzen und etwas Moos. Dazu eine Betriebsanleitung, das auch jeder Kunde ein grünes Erfolgserlebnis bekommt. 

Neben ihrem Tagesgeschäft im Labor versteht Judith den »Urban Jungle« auch als gesellschaftspolitische Strömung. »In den siebziger Jahren haben wir uns viel mehr miteinander unterhalten, direkt, das war ganz normal, alles ohne Smartphone, mit Familie und den Nachbarn, dazwischen ein Gemüsebeet«. Heute sei das anders, so Judith. »Wir reisen viel, das Leben kostet auch immer mehr, wir arbeiten mehr«. Hinzu komme, das wir uns selbst »mehr entwickeln wollen, auch mal abheben«, um unsere Individualität ausdrücken – online wie offline. 

Dabei kann jeder »etwas mit Pflanzen machen«, so Mila vom »Wilderness«-Laden aus Amsterdam. »Du musst kein Experte sein, du kannst grüne Finger bekommen. Fange klein an und einfach«. Vielleicht ist es ja gerade diese Einfachheit, die Menschen an diesen Pflanzen in all ihren Formen, mal zackig und mal rund, fasziniert. Immerhin: eine Stunde Gartenarbeit hat für Pflanzenliebhaberinnen wie Mila, Emma und Judith die gleiche Wirkung wie eine Stunde Yoga. 

»Grüne Gemeinschaft« – viel Spaß und wenig Arbeit 

Für die einen eine Entspannungsübung, für andere sogar eine Lebensphilosophie. Das zeigen die vielen Gemeinschaftsgärten, die in Amsterdam und anderswo, quer durch die Republik auch in Konstanz aus dem Boden sprießen. Grün ist etwas, das man alleine genießen kann, aber eben auch mit vielen anderen Leuten zusammen, in der Gemeinschaft, »Urban-Gardening«-Projekte – die Weiterentwicklung der Schrebergärten am Stadtrand, zurück in die Innenstadt. Um folgendes zu tun: Gemüse anbauen, ernten und gesunde Rezepte ausprobieren beim gemeinsamen Kochen. All das stiftet ein ganz neues Gefühl der Gemeinschaft, finden »Urban Jungle« Menschen.  

Natürlich könne man die Pflanzen oder Blumen auch ganz einfach im Laden kaufen, so Judith. Teilen jedoch sei das neue Besitzen und damit auch Geheimnis hinter diesem »Boom« des Grünen, in der Stadt. Es ist das gemeinsame Bestreiten von einem »ungeklärten Prozess«, wie Mila findet. Beim Pflanzen gebe es schließlich »immer etwas, das bricht oder stirbt«. Dieser Wunsch nach mehr Grün, nach Wachstum, das lade ihre Kunden, Fans und Mitstreiter zum Experimentieren ein. So zum Beispiel mit »Luftpflanzen«. Die haben keine Wurzeln und seien dennoch »superhübsch«, so Mila. Und das ohne viel Aufwand: »ein Mal pro Woche ein bisschen besprühen reicht«.  

Ob Judiths Terrarien mit ganz viel Grün im Glas, Mila und Emmas Pflanzen-Laden an der Bilderdijksgracht in Amsterdam oder Igors Postings von grünen Wohnungen aus aller Welt – sie wecken Sehnsüchte nach dem Ursprünglichen, etwas das langsam wächst und gedeiht – und bleibt. Dieses Grün ist eine Ansage gegen das »schneller, höher weiter« einer globalisierten, technisierten Welt. Und Judith ergänzt, mit Blick auf die kommenden Jahre: »Die Nüchternheit der neunziger Jahre ist vorbei, jetzt wird alles wieder bunter, wilder, natürlicher«. 

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